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2021

Kommunale Galerie Berlin ZEIT ZEICHEN    uli fischer

Einzelausstellung

vom 27. April bis 6. Juni 2021

Hohenzollerndamm 176 | 10713 Berlin t 030 | 90 29 16704 www.kommunalegalerie-berlin.de

Dienstag bis Freitag | 10–17 Uhr Mittwoch | 10–19 Uhr

Eintritt frei

Bitte beachten Sie die aktuellen Hinweise zum

Besuch der Ausstellung auf unserer Webseite:


Bei Interesse kontaktieren Sie bitte den Künstler

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Laudatio von Susanne Weiß

Corona bedingt, eine Rede die nie vorgetragen wurde


Liebe Besucher*innen,

ein Totem ist ein Zeichen – ein Pfahl. Er steht aufrecht und berichtet von persönlichen Verbindungslinien in die Vergangenheit. Es sind mythologisch geprägte Tiersymbole, die zu der Geschichte eines Menschen gehören und Schutz repräsentieren. Die Ausstellung „Zeit Zeichen“ von Uli Fischer gliedert sich in drei Teile, den „Hauptteil“, den „Übergang“ und die „Bühne“ im hinteren Teil des Raumes, auf der sich vier neue Arbeiten befinden. Diese Arbeiten stehen aufrecht – sie können als Repräsentant*innen gelesen werden – sie verkörpern ihre eigene Materie neu. Sie sehen von keiner Seite gleich aus, begegnen sich untereinander und kommunizieren miteinander, in gewisser Weise eine Personengruppe, die wie ein transzendentes kontemplatives Kondensat da steht. Jedes einzelne Bestandteil, eine andere Geschichte, ein anderer Ort, ein anderer Stoff, ein anderes Muster, ein anderes Bild. Zusammengefügt ergeben sie eine Rückführung: Ihr textiles Trägermaterial, das wir in zwei-dimensionaler Funktion als Schmuck oder Gebrauchsgegenstand erleben und in drei-dimensionaler Anwendung am Körper erfahren, wird zu einer skulpturalen Bilderfindung, die Tradition und Moderne miteinander vereint.

Uli Fischer bewegt mit dieser Einzelausstellung einmal mehr sein künstlerisches Material ins Zentrum des Geschehens. Er lüftet den Vorhang, öffnet den Blick, teilt seine künstlerische DNA. Wir durchschreiten mit ihm seinen Fundus und damit das Wesen des Textils und das Wesen seiner künstlerischer Praxis: Die Auseinandersetzung mit den Ebenen des Textilen und ihre Verbindung zur Malerei. Der Begriff der Ebenen steht für die räumlichen, materiellen als auch immateriellen und kulturellen Ebenen, die seine Handlungen mit dem gewebten Material nachvollziehen.

Das Textile ist ein besonderes Material: Es erzählt von Berührungen und gleichzeitig berührt es. Das menschliche Wesen möchte (meistens) berühren was es sieht, denn unser Tastsinn ist mit allen anderen Sinnen verbunden. Genau deswegen ist das Textile ein wichtiger Begleiter im Leben, im Beschreiten von Ritualen, ob ein Kind nach der Geburt in ein Tuch gewickelt wird oder zur Taufe ein besonderes Kleid trägt oder der nicht mehr lebende Körper in ein ausgewählte Gewänder und Tücher gehüllt wird, für die letzte Reise.

 Auf Umwegen ist Uli Fischer 2008 zu dieser künstlerischen Praxis gelangt, die das konsequente Resultat seines Lebenslaufs ist. Er kommt vom Taktilen, lernte Strickmaschineneinrichter, studierte dann in den 1970er Jahren Kunst, erst an der Werkkunstschule in Hannover, dann an der HBK in Braunschweig. In den 1980er Jahren lebt er in den USA, arbeitet als Kolorist. Mitte der 1980er Jahre zieht er nach Berlin und beginnt zu malen. Es ist die Suche nach der Abstraktion, die er mit den Mitteln der Malerei durchdekliniert, parallel arbeitet er mit Siebdruck auf Textilien. Er arbeitet am Theater und für den Film, als Szenenbildner und Ausstatter. Von 1986 – 1991 betreibt er den Projektraum „Laden für Nichts“ in Kreuzberg. Er lädt Künstler ein, sich mit dem Raum auseinanderzusetzen, ortsspezifisch. Im Jahr darauf beginnt er nach Asien zu reisen, zuerst nach Indonesien, Thailand und Burma. Dort entdeckt er den vereinnahmenden Charakter gebrauchter Textilien. Er kam in Berührung mit ihrem Sein und ihrem Sinn. Durch seine Reisen beginnt er mit dem Handel, bringt mit, lässt los, sucht weiter. Ab 2002 fängt er an sich mit Stoff als Trägermaterial auseinanderzusetzen. 2008 bekommt er einen historischen Kimono geschenkt, dessen Ästhetik ihn wieder zur Leinwand führt. Es ist ein Weg der verschobenen Gesten, das Arbeiten mit der Kunst, auch beizeiten neben der Kunst, bis er sich entscheidet, sich wieder der eigenen Kunst zuzuwenden.

Durch seinen künstlerischen Umgang erfahren wir die Präsenz des Textilen neu, lernen es neu kennen, sehen und fühlen. Wir können die Spuren des Lebens nachvollziehen, eine Idee davon bekommen, das Menschen den Stoff gefärbt, gewebt, bearbeitet haben. Ihre Geschichte besitzt eine materielle Gegenwart in seinen Werken, denn in gewisser Weise sind es auch ihre Bilder, die Handwerker*innen, Besitzer*innen, Träger*innen als abwesende Co-Autor*innen.

Uli Fischer spürt den taktilen Ebenen nach und bringt das Material, das er nicht verändert, zur Aufführung. Ausgangspunkt für die Gestaltung seiner textilen Objekte, deren kostbares Erscheinungsbild er mit minimalen Gesten zu komplexen Bildwelten werden lässt, sind Alltag, Zeit und Zufall. Er komponiert seine Bilder präzise und stellt die Ästhetik und Kraft des Materials in den Mittelpunkt. Die Spuren alltäglicher Handlungen ist in die Textilien eingeschrieben, ein traditioneller kultischer Stoff tritt in den Dialog mit einem gebrauchten Lappen, wird zu einem „Zeit Zeichen“. Durch ihren Gebrauch erfahren die Textilien eine Aura – wie erhaben ein Loch, Fleck, Riss sein kann, bringen Uli Fischers Werke zum Vorschein, denn ihre Ästhetik ist die Bühne des Lebens.


 

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